Die EU hat 2026 die Nachhaltigkeitsberichterstattung neu geordnet. Während die CSRD durch die Omnibus‑I‑Verordnung massiv entschärft wurde, steigt der Druck aus Lieferketten, Banken und Förderstellen weiter. Genau in dieser Lücke positioniert sich der neue Voluntary Standard (VS) – der Nachfolger des bisherigen VSME‑Standards.
Der VS ist freiwillig, aber strategisch hochrelevant: Er schafft einen klaren, schlanken und praxisnahen Rahmen für Unternehmen, die Transparenz zeigen wollen, ohne in Bürokratie zu versinken.
Warum der VSME zum VS wurde
Mit der Anhebung der CSRD‑Schwellenwerte sind viele Unternehmen nicht mehr berichtspflichtig – bleiben aber indirekt betroffen:
- durch Lieferkettenanforderungen großer Kunden
- durch ESG‑Datenanforderungen von Banken
- durch Förderlogiken und regionale Klimastrategien
Der bisherige VSME war eine Empfehlung der EU‑Kommission. Der neue VS ist nun ein regulatorischer Rahmen, der gleichzeitig die Obergrenze definiert, welche Nachhaltigkeitsinformationen CSRD‑pflichtige Unternehmen von ihren Lieferanten einfordern dürfen: der Value Chain Cap (Annex 2).
Damit erweitert sich der Anwendungsbereich deutlich:
- VSME: nur nicht‑börsennotierte KMU bis 250 Mitarbeitende
- VS: alle Unternehmen bis 1.000 Mitarbeitende, unabhängig von Börsennotierung
Für KMU bedeutet das: Mehr Relevanz, mehr Sichtbarkeit, mehr Struktur.
Was sich strukturell und inhaltlich geändert hat
1. Basismodul + Zusatzmodul bleiben – aber mit klareren Regeln
Der VS betont, dass jedes Modul vollständig erfüllt werden muss. Der „Falls zutreffend“-Grundsatz bleibt bestehen: Datenpunkte müssen nur berichtet werden, wenn sie für das Unternehmen relevant sind.
2. Stärkere Differenzierung nach Unternehmensgröße
Für Unternehmen unter 10 Mitarbeitenden ist der VS nochmals kompakter:
- weniger verpflichtende Datenpunkte
- vereinfachte Energie‑ und Klimadaten
- Fokus auf wesentliche Risiken
Damit wird Nachhaltigkeit zugänglich statt abschreckend.
3. Neue Kategorisierung der Datenpunkte
- Necessary
- Necessary if applicable
- Voluntary
- Sector considerations
Das schafft Orientierung und reduziert Aufwand.
4. Inhaltliche Anpassungen
EFRAG hat den Standard verschlankt:
- Treibhausgasintensität gestrichen
- Biodiversitätsangaben reduziert
- Datenpunkte präzisiert, verschoben oder entfernt
Der Fokus liegt klar auf Energie, Klima, Ressourcen, soziale Themen – also genau jenen Bereichen, die KMU realistisch abbilden können.
5. Leitlinien werden ausgelagert
Die früheren VSME‑Leitlinien werden künftig online im EFRAG Knowledge Hub bereitgestellt – nicht mehr als Anhang.
Perfekte Anschlussfähigkeit an ISO‑Managementsysteme
Der VS fügt sich nahtlos in bestehende Systeme ein:
- ISO 9001 – Qualität & Prozesse
- ISO 14001:2026 – Umwelt & Klima
- ISO 50001 – Energie
- ISO 45001 – Arbeitssicherheit
Für Unternehmen bedeutet das: Keine Doppelarbeit – sondern Synergien.
Der neue VS ist der richtige Standard zur richtigen Zeit
Der Voluntary Standard bringt Ordnung in die Nachhaltigkeitswelt der KMU. Er ist freiwillig, aber strategisch wertvoll. Er ist schlank, aber professionell. Und er schafft genau jene Transparenz, die Unternehmen 2026 brauchen – in Lieferketten, bei Banken, in Förderlogiken und in der regionalen Zusammenarbeit.
Vorlagen und Originaldokumente
- VS-Excel Template und EFRAG Vorlage
Die digitale EFRAG-Vorlage (Excel/XBRL-Taxonomie) zur strukturierten Erfassung der VS-Datenpunkte – ideal für den ersten Einstieg in die Nachhaltigkeitsberichterstattung
VSME Digital Template and XBRL Taxonomy | EFRAG
- VS-Standard
Das offizielle englische Originaldokument des VS-Standards, herausgegeben von der EFRAG im Auftrag der EU-Kommission.
VSME Standard.pdf
Beispiele
Hofmann Global, Internationaler Mittelständler mit pragmatischem VSME-Ansatz
Unternehmensprofil: Internationales Familienunternehmen im Bereich Verpackungslösungen, 180 Mitarbeiter, Standorte in Europa und Asien.
VSME-Umsetzung: Hofmann fokussiert auf Basic Module mit selektiven Comprehensive-Elementen, nutzt den „If Applicable“-Ansatz konsequent.
Besonderheiten:
- Multi-Site-Reporting mit Konsolidierung über verschiedene Länder
- Pragmatische Scope 3-Schätzung mit transparentem Disclaimer für fehlende Primärdaten
- Starker Fokus auf Kreislaufwirtschaft und Material-Effizienz (Kerngeschäft)
- Integration von ISO 14001-Daten in VSME-Struktur
Lessons Learned: Zeigt, wie internationale KMUs VSME nutzen, ohne sich in Detailtiefe zu verlieren. Der Bericht ist deutlich schlanker (28 Seiten vs. WISKA 58 Seiten), erfüllt aber alle Anforderungen.
Hofmann Nachhaltigkeitsbericht 2024 (PDF)
Action Composites GmbH, Hightech-Produktion mit Net-Zero-Roadmap
Unternehmensprofil: Action Composites GmbH (Österreich) entwickelt und produziert Leichtbaukomponenten aus carbonfaserverstärktem Kunststoff (CFK) für die Automobilindustrie, mit Produktionsstätten in Österreich, Vietnam und China. Mehrfach zertifiziert: ISO 14001, ISO 45001, IATF 16949, SA 8000.
VSME-Umsetzung: Vollständiger VSME-Bericht 2024 mit Scope 1 bis 3-Bilanz, veröffentlicht Juli 2025. Klimaziel: Net Zero für Scope 1 und 2 bis 2030.
Herausforderungen:
- Internationale Produktionsstätten in verschiedenen Regulierungskontexten (EU, Vietnam, China)
- Scope 3 dominiert: 386 t CO₂e (vs. Scope 1: 10 t CO₂e, Scope 2 durch 100 % Grünstrom sehr gering)
- Komplexe Upstream-Lieferkette durch spezialisierte Rohstoffe (Carbonfasern, Harze)
Lösungsansatz:
- 100 % erneuerbarer Strom am österreichischen Standort, Hackschnitzelheizung ab 2024
- Bestehende ISO-Zertifizierungen (14001, 50001) liefern solide Datenbasis für VSME
- Klare Roadmap: Scope-1- und Scope-2-Emissionen bis 2030 auf netto null
- Scope 3 als nächster Schritt: systematische Ausweitung der Erfassung geplant
Benchmark-Relevanz: Zeigt, wie Produktionsbetriebe mit internationaler Fertigungsstruktur VSME pragmatisch umsetzen können. Starker Kontrast zwischen sehr niedrigem Scope 1+2 (dank Grünstrom) und dominantem Scope 3, typisch für Zulieferer mit energieintensiven Vorprodukten.
VSME Bericht (pdf)
Langlaufschule Rückenwind Seefeld, Tourismus mit Schneerisiko
Unternehmensprofil: Langlaufschule Rückenwind Seefeld (Tirol, Österreich) ist ein saisonaler Sport- und Freizeitdienstleister mit 26 Mitarbeitenden und 4,78 Vollzeitäquivalenten. NACE 93.1 (Sportstätten), eng verwandt mit dem Hospitality-Profil durch dominante Gäste-Mobilität.
VSME-Umsetzung: Basic und Comprehensive Module vollständig (Berichtsjahr Saison 2024/25, veröffentlicht Dezember 2024), erstellt mit dem akaryon ESG-Cockpit. Bericht vollständig in HTML auf der Unternehmenswebsite publiziert, einer der wenigen öffentlich zugänglichen VSME-Berichte aus dem Tourismus- und Freizeit-Sektor.
Branchenrelevanz für energieintensive Dienstleister:
- Energie (B3 und C3): 2,95 MWh erneuerbarer Strom in 2024/25, plus 73 Prozent gegenüber Vorjahr. Fossile Verbräuche auf 0 reduziert.
- GHG-Bilanz: Scope 3 dominiert mit 100 Prozent der Emissionen, davon 79 Prozent aus Gäste-An- und Abreise (Scope 3.9), das gleiche Profil wie ein Hotel.
- Klimarisiko C4: Schneemangel unter 1.400 Metern Höhe ab 2030+ als physisches Risiko explizit quantifiziert, Anpassungs-Roadmap dokumentiert.
- Wasser (B6): 593 Kubikmeter durch Kunstschneeproduktion (Scope 3 Drittanbieter), transparent ausgewiesen.
Lessons Learned: Saisonale Tourismus-KMU haben ein extremes Scope-3-Profil mit Gäste-Mobilität als Hauptemissionsquelle. Die transparente Quantifizierung physischer Klimarisiken zeigt, wie auch Kleinstunternehmen mit C4-Disclosures arbeiten können.
VSME Bericht