Der neue DIS 45001:2027 ist da – die Änderungen im Überblick

Der neue DIS 45001:2027 ist da – die Änderungen im Überblick

Die ISO 45001 wird überarbeitet. Mit dem neuen DIS‑Entwurf liegt erstmals sichtbar vor, wohin sich die Norm entwickelt – und welche Anforderungen künftig auf Unternehmen zukommen, die bereits nach ISO 45001:2018 zertifiziert sind. Die Revision reagiert auf veränderte Arbeitswelten, neue Belastungsformen und ein breiteres Verständnis von Sicherheit und Gesundheit.

Der DIS (Draft International Standard) zeigt deutlich: Die Norm wird moderner, umfassender und kulturell anspruchsvoller.

Neue Schwerpunkte und inhaltliche Erweiterungen

Der Entwurf stärkt die Rolle der Sicherheitskultur. Unternehmen müssen künftig nachweisen, dass eine funktionierende Meldekultur ohne Repressalien existiert, dass Beschäftigte aktiv eingebunden sind und dass Werte, Einstellungen und Verhalten messbar zur Arbeitssicherheit beitragen. Kultur wird damit zu einem auditierbaren Element des Systems.

Ein weiterer Schwerpunkt ist das Well‑being. Erstmals wird das Wohlbefinden der Beschäftigten verbindlich in die Norm integriert – physisch, psychisch, sozial und kognitiv. Unternehmen müssen künftig systematisch analysieren, wie Arbeitsbedingungen das Wohlbefinden beeinflussen. Dazu gehören auch digitale Belastungen, Arbeitsverdichtung, Kommunikationsstrukturen und Führungsverhalten.

Die Norm berücksichtigt außerdem moderne Arbeitsformen wie Remote‑Work, Hybridmodelle und mobile Tätigkeiten. Diese Arbeitsformen müssen gleichwertig in die Gefährdungsbeurteilung einfließen – inklusive ergonomischer, psychischer und organisatorischer Risiken. Auch die Schnittstelle zwischen IT‑Sicherheit und Arbeitsschutz gewinnt an Bedeutung.

Ein neues Themenfeld ist die Diversität und Inklusion. Der DIS verlangt, dass Arbeitsschutzmaßnahmen für unterschiedliche Gruppen wirksam sind – unabhängig von Alter, Behinderung, Sprache, Kultur oder neurodiversen Merkmalen. Das betrifft Unterweisungen, Kommunikation, Risikoanalysen und die Gestaltung von Arbeitsplätzen.

Schließlich wird die Rolle der Führung breiter definiert. Nicht nur das Management, sondern alle Personen mit Arbeitsschutzverantwortung – Teamleiter, Schichtführer, Projektleiter – müssen über klar definierte Kompetenzen verfügen. Beteiligung der Beschäftigten wird stärker strukturiert und messbar gefordert.

Herausforderungen für bereits zertifizierte Unternehmen

Für Unternehmen, die bereits nach ISO 45001:2018 arbeiten, ergeben sich mehrere praktische Herausforderungen.

Die erste betrifft die Messbarkeit der Sicherheitskultur. Viele Organisationen haben eine gute Kultur, aber selten belastbare Indikatoren oder Kennzahlen. Der DIS verlangt künftig nachvollziehbare Methoden, um Kultur und Beteiligung sichtbar zu machen.

Die zweite Herausforderung liegt im Umgang mit psychischen und sozialen Faktoren. Well‑being ist kein Zusatzthema mehr, sondern Teil des Systems. Das bedeutet neue Risikoarten, neue Messmethoden und oft neue Verantwortlichkeiten.

Auch die Integration von Remote‑Work ist für viele Unternehmen noch nicht vollständig umgesetzt. Homeoffice‑Arbeitsplätze müssen künftig genauso systematisch bewertet werden wie klassische Arbeitsplätze.

Diversität stellt eine weitere organisatorische Aufgabe dar. Unternehmen müssen sicherstellen, dass Kommunikation, Unterweisungen und Prozesse für unterschiedliche Gruppen verständlich und wirksam sind.

Und schließlich müssen Rollen und Kompetenzen neu definiert werden, weil die Norm die Verantwortung breiter fasst. Kompetenzmatrizen und Schulungskonzepte werden dadurch wichtiger.

Was bleibt stabil?

Die Grundstruktur der Norm bleibt erhalten. Risiko‑ und Chancenmanagement, operative Steuerung, Notfallmanagement und Leistungsbewertung bleiben bestehen – werden aber präzisiert und erweitert. Unternehmen können also auf ihrem bestehenden System aufbauen.

Der Fahrplan bis zur Veröffentlichung

Der DIS befindet sich derzeit in der internationalen Kommentierungsphase. 2027 wird der FDIS erwartet, anschließend die finale Veröffentlichung der ISO 45001:2027. Danach beginnt eine dreijährige Transition‑Phase, in der Unternehmen ihr Managementsystem anpassen und die Zertifizierung auf die neue Version umstellen müssen. Ab 2030 verlieren Zertifikate nach ISO 45001:2018 ihre Gültigkeit.

Empfehlungen für alle, die bereits ein Arbeitssicherheits- und Gesundheitsschutzsmanagementsystem haben

Auch wenn die Norm noch nicht final ist, lohnt sich eine frühe Vorbereitung:

  • Kulturindikatoren definieren
  • Well‑being‑Risiken systematisch erfassen
  • Remote‑Work vollständig in die Gefährdungsbeurteilung integrieren
  • Diversität in Kommunikation und Unterweisungen berücksichtigen
  • Rollen und Kompetenzen aktualisieren
  • Beteiligungsprozesse strukturieren

Damit wird der Übergang 2027 deutlich einfacher – und man kann die Revision nutzen, um ihr Arbeitsschutzsystem strategisch weiterzuentwickeln.